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Eduardo Roca. COLORES OLVIDADOS- VERGESSENE FARBEN

Eduardo Roca. COLORES OLVIDADOS- VERGESSENE FARBEN

Das besondere Licht in den Malereien von Eduardo Roca

Günther Oberhollenzer

Einige Männer rollen schwere Ölfässer über ein sandfarbenes Areal, ihnen gegenüber stehen zwei riesenhafte Bagger, vom Sonnenlicht scharf angestrahlt, im Hintergrund ist  verschwommen eine Stadtlandschaft zu sehen. Eduardo Roca hat mich in sein Atelier nach Niederösterreich eingeladen, um seine Werke im Original zu betrachten. „Camino a la extinción“, so der Titel der Malerei, ist eine der neuesten Arbeiten und die erste, die er mir zeigt. Eine kraftvolle Komposition von großer Dynamik und Leuchtkraft. Gemalt von einem Künstler, der sein Handwerk (alt)meisterlich beherrscht.

Er habe lange gebraucht, erzählt Roca, um sich in Österreich zu „akklimatisieren“. In seiner spanischen Heimat war und ist er es gewohnt, im Freien zu malen, direkt vor Ort die Natur auf sich wirken zu lassen. Das entspricht einer impressionistischen Vorgehensweise, unter freiem Himmel („plein-air“), die Stimmungen der Landschaft, die Reflexe des Lichts, die Schattierungen der Farben einzufangen – auch wenn Roca stilistisch natürlich weit vom Impressionismus entfernt ist. Im Gegensatz zu Österreich spielt in Spanien die Landschaftsmalerei und die Fähigkeit, „al natural“ zu malen auch heute noch in der künstlerischen Ausbildung eine bedeutende Rolle. Roca kam damit nicht nur während seiner Studienzeit immer wieder in Berührung – etwa wenn er für zwei Wochen in der Alhambra in Granada malte –, sondern auch bei sogenannten „pittura rapita“-Wettbewerben. Die Aufgabe besteht darin, innerhalb eines Tages ein Landschaftsbild zu malen. Er habe dabei mehr gelernt als auf der Universität, so Roca, das präzise Sehen, die Problemlösung im Moment, den schnellen malerischen Prozess. „Contenedor“ – mit einem massiven Transportcontainer ein außergewöhnliches wie selbstbewusst gewähltes Motiv – ist das letzte Bild, das Roca nach dieser Methode gemalt hat. Danach wollte er neue malerische Wege gehen.

In Österreich folgte eine Zeit des Ausprobierens von verschiedenen malerischen Herangehensweisen, Roca malte im Freien aber auch im Atelier. Lange stand er Fotografien als Ausgangspunkt für malerische Ideen skeptisch gegenüber, groß war die Sorge, nicht die Frische und Unmittelbarkeit beibehalten zu können, die ihm die Malerei vor Ort ermöglichte. Doch dann reifte die Erkenntnis, dass fotografische Abbildungen gut als Grundlage dienen können, wenn es gelingt, sich während des malerischen Aktes rasch von ihnen zu lösen, um eigene Wege zu gehen. Heute nimmt Roca Fotos zu Hilfe, selbst aufgenommene oder auch gefundene, er assembliert mehrere Motive zu einem Bild, erfindet Details dazu, lässt andere weg und erschafft sich so seine ganz persönliche Welt. Früher interpretierte Roca die Natur und Umwelt, jetzt komponiert er sie neu. Früher hatte er am Beginn eine klare Vorstellung von dem fertigen Bild, er malte es ganz getreu nach dem realen Vorbild. Jetzt will er das alles gar nicht mehr so genau wissen und lässt sich treiben, vom malerischen Arbeitsprozess überraschen. Das stellt eine entscheidende Neuausrichtung und auch Weiterentwicklung in Rocas Werk dar.

Beliebte, immer wiederkehrende Motive sind Schrottplätze und Autowracks, Bagger, Baustellen und Maschinen. Bereits auf einer Kinderzeichnung, die Roca mit sieben Jahren von einer Baustelle angefertigt hat, sind große Maschinen, Dinosaurier gleich, zu sehen. Der Künstler liebt die Ästhetik der harten, metallenen Oberflächen, der im gleißenden Sonnenlicht fast surreal anmutenden Autoberge. Er erkennt die Schönheit des Alltäglichen, auch von Müll und Unrat, aber zeigt gleichzeitig die Absurdität unserer exzessiven Abfallgesellschaft. Doch diese Kritik steht nicht im Vordergrund, es scheint vielmehr so, als dienen die Motive nur als Vorwand und Versuchsfeld für eine Malerei, die mit Licht und Schatten, Fläche und Raum poetisch wie sinnlich eine neue Wirklichkeit erschaffen kann.

Diesen Eindruck bestärkt das Bild „Motor Metzger“ – eine Malerei, die dem Betrachter, der Betrachterin Zeit und Muse abverlangt. Denn erst dann, wenn man das Bild eine Weile auf sich wirken lässt, öffnet es sich und die Dynamik (oder auch der Kontrast) zwischen realistischen und sich scheinbar auflösenden Partien wird erkennbar, das Spiel mit Figuration und Abstraktion, mit Flächen und dreidimensionalen Formen erfahrbar. Die gegenständliche Welt ist als Ausgangspunkt der Malerei von Bedeutung, doch wichtiger als die Frage, was dargestellt wird, scheint wie etwas gemalt ist. In Rocas Welt muss nicht mehr alles genau ausformuliert sein, manches kann – da ist der Künstler  selbstbewusst genug – auch nur andeutet werden und gewinnt gerade dadurch an Kraft und Ausdrucksstärke. Er möchte etwas erschaffen, „das als Malerei glaubhaft ist“, betont Roca immer wieder. So bezaubern in seinen Bilder die meist leuchtenden, kräftigen Farben, faszinieren der Umgang mit Helligkeit und Dunkelheit, mit Schärfe und Unschärfe, überraschen die harte Kontrasten, die Tiefen und Perspektiven.

Beeindruckend sind auch die schnell mit schwarzer Tinte dahin geworfenen Zeichnungen bzw. Malereien von Autowracks. Diese zeigen einmal mehr Rocas künstlerisches Talent. Sie entstehen ohne Vorstudien und lassen erkennen, dass der Maler eine Ausbildung als technischer Zeichner und Comiczeichner absolviert hat. Mit wenigen, unmittelbaren Pinselstrichen versucht er, die Essenz eines Gegenstandes zu erfassen. „Hier kann man sich nicht verstecken“, unterstreicht der Künstler.

Etwas aus der Reihe tanzen die sehr persönlichen Arbeiten „Días Felices“ und „Antonio Roca“. Roca malt seine Mutter und Tante sowie seinen Vater. Während in „Días Felices“ die zwei älteren Damen mit hartem Licht beleuchtet werden und dazu kontrastreich eine kräftige, rote Hinterfarbe gesetzt wird (die übermalte Stadtlandschaft ist noch schemenhaft zu erkennen), zeigt „Antonio Roca“  ein in harmonischen Farben gehaltenes Interieur. Das morgendliche Sonnenlicht taucht das Schlafzimmer in warmes Licht und fällt sanft auf den Vater, der gerade aufgestanden ist, auf das zerknüllte Bettlacken, auf die dahinter liegende, kahle Wand. Im Hintergrund sind zwei Bilder mit Vasen zu sehen, die vielleicht zufällig an Stillleben von Giorgio Morandi erinnern. Roca zeigt uns eine einfache, ja triviale Alltagsszene, doch in der ruhigen Umsetzung gelingt ihm ein überaus zartes, ja intimes Bildnis des Vaters.

Roca arbeitet gerne in Serien, indem er das immer gleiche Motiv facettenreich variiert – so geschehen etwa bei „Rodalquilar“: Der Künstler suchte in der andalusischen Provinz Almería eine alte Goldmine auf, fertigte auf schwarz grundiertem Holz von verschiedenen Standorten Skizzen an und vervollständigte diese dann aus seinem Gedächtnis. Ähnlich war die Vorgehensweise bei „Variaciónes“, bei dem Roca ein kleine Hütte in seiner neuen Heimat in Niederösterreich als Inspiration wählte, um diese aus ganz unterschiedlichen Blickwinken und Perspektiven, aber auch in möglichst vielfältigen malerischen Techniken umzusetzen. Es begann mit einem kleinen Bild, erzählt Roca, er wusste nicht, wohin es ihn führen würde. So entstand immer wieder das gleiche Haus und doch war es stets neu – ein Mosaik an malerischen Möglichkeiten: nah herangezoomt und ausschnitthaft, aus großer Entfernung oder gar aus Vogelperspektive, realistisch und plastisch, nur skizziert und flächig (fast wie ein abstraktes Zeichen), kontrastreich, mit schwarzen Konturen und grafischen Elementen, warm, mit sanften Übergänge und zarten Formen… Die Beiläufigkeit des Motivs fasziniert, steht dieses banales Haus doch ganz im Dienste der Malerei. „Es könnte auch gleich gut ein Kaffeehäferl sein“, so Roca. Letztendlich kann man alles malen, wenn man es gut malen kann. Und dennoch, der Ort hat seine Bedeutung und fließt in die malerische Umsetzung mit ein, diese Serie hätte so in Spanien wohl nicht entstehen können. Roca verwendet das Öl wie Aquarellfarbe, stark verdünnt und fast lasierend, wobei weiche, verwaschene Farben, Grün- und Brauntöne vorherrschen. Das kontrastreiche andalusische Licht sucht man (meist) vergebens. Es dominiert ein anderes Licht, eine andere Malerei, die gleichzeitig aber ihre Herkunft nicht verleugnet. Roca hat eine neue Heimat, seine Malerei eine neue Sprache gefunden. Nirgends gelingt ihm das so überzeugend wie mit der Serie „Variaciónes“.

„Man muss wissen, was man will, in der Malerei wie auch im Leben“, betont Roca. Der Künstler weiß es, er bleibt aber neugierig und scheut sich nicht vor malerischen Experimenten und Entdeckungsreisen. Das macht seine Kunst so authentisch und glaubwürdig.

Vernissage:

11. März 2015
um 19 UhrEs spricht: Mag. Günther Oberhollenzer

Ausstellungsdauer:

12.03. - 19.03.2015

Galerie

Radetzkystraße 4
1030 Wien